Kraftwerk Jänschwalde von Vattenfall: Foto J.-H. Janßen / Wikimedia / Lizenz unter CC BY-SA 3.0

Wird der Kohle­aus­stieg vergoldet?

von | 12. Januar 2016

Die Agora Ener­gie­wende, ein poli­tik­naher ThinkTank, empfiehlt einen kontrol­lierten Fahrplan für den Kohle­aus­steig bis 2040. Wissen­schaftler halten einen früheren Ausstieg zwar für nötig und möglich. Ob dies jedoch gelingt, hängt mit mehreren Faktoren wie dem Ausbau der Erneu­er­baren und der entspre­chenden Infra­struktur zusammen. Diese scheinen derzeit jedoch gebremst.

Die Agora-​Wissenschaftler fordern, um den Struk­tur­wandel vor allem in der Lausitz und im Rheinland abzu­federn, eine jährliche Trans­fer­summe von 250 Millionen Euro. Orien­tiert an den bishe­rigen 21.400 Beschäf­tigten im Braun­koh­le­ta­gebau und den davon betrie­benen Kraft­werken würde dies einer Summe von 11.678 Euro je Mitar­beiter jährlich entsprechen – für eine struk­tu­relle Anpas­sungs­maß­nahme erscheint dies nicht zu viel.

Zu bedenken ist jedoch, dass die Kohle­kraft­werke auch weiterhin Gewinne erwirt­schaften, auch wenn dies in Deutschland aufgrund des Vorranges der EEG-​Einspeisung immer schwie­riger wird. Gestern zum Beispiel betrug der durch­schnitt­liche Strom­han­dels­preis 2 Cent je kWh. Ein Braun­koh­le­kraftwerk braucht im Minimum 3,8 Cent je kWh allein zur Erzeugung. Deswegen drängt auch immer mehr Braun­koh­lestrom in den Export. Allein 2014 waren es 8 %.

Dennoch: Bezogen auf den Verbraucher-​Endpreis bleibt bei diesem Strom­preis zumindest für die großen Erzeuger mit eigenem Kraftwerk und Endkun­den­ge­schäft wie RWE oder E.ON (jetzt Uniper) noch eine Vertriebs­marge von gut 7 bis 10 Cent je kWh. Ausgehend von 150 TWh Strom aus Braun­kohle macht dies einen theo­re­ti­schen jähr­lichen Gewinn vor Steuern von maximal 150 Mio. Euro. Das sind 100 Millionen Euro weniger als die Summe, mit der die gesamte Kohle­wirt­schaft bis 2040 subven­tio­niert werden soll.

Die Agora Ener­gie­wände rechnet jedoch anders. Sie legt die Zahlen des Bran­chen­ver­bandes DEBRIV zugrunde und sieht bei den bishe­rigen Verein­ba­rungen zum Kohle­aus­stieg einen jähr­lichen Verlust von 700 Millionen Euro. Der Zuschuss von 250 Millionen würde demnach gerade ein reich­liches Drittel dieser ebenfalls theo­re­ti­schen Verluste abdecken. Also – man macht das halbe Glas entweder ganz voll oder füllt in ein leeres ein Drittel hinein.

Ersteres ist wohl die realis­ti­schere Sicht­weise. Dafür hilft auch ein Blick auf weitere Agora-Forderungen:

  • Kein Neubau von Stein- und Braun­koh­le­kraft­werken – Geschenkt, das plant derzeit niemand aufgrund der unsi­cheren zukünf­tigen Erlössituation
  • Fest­legung eines kosten­ef­fi­zi­enten Abschalt­plans der Bestands-​Kohlekraftwerke auf Basis von Rest­lauf­zeiten mit Flexi­bi­li­täts­option in den Braun­koh­le­re­vieren – das erinnert erstaunlich an die Kohle­re­serve, die auch nur eine Vergoldung für Eigen­tümer veral­teter Kraft­werke war
  • Verzicht der natio­nalen Politik auf zusätz­liche Klima­schutz­re­ge­lungen für Kohle­kraft­werke über den vorge­schla­genen Abschaltplan hinaus – auch schön, also schön weiterrußen
  • Kein Aufschluss weiterer Braun­koh­le­ta­gebaue und Verzicht auf Einleitung neuer Umsied­lungs­pro­zesse – das braucht man nicht anordnen, davon nehmen Vattenfall (frei­willig) und RWE (teils auf Druck der Bevöl­kerung) schon frei­willig Abschied
  • Finan­zierung der Folge­lasten von Braun­koh­le­ta­ge­bauen über eine Abgabe auf die künftig noch geför­derte Braun­kohle – das sollte eigentlich schon derzeit geregelt sein

Damit erinnern die Agora-​Forderungen eher an eine Versil­berung alter Kraft­werks­parks und Tagebaue. Und das für eine Tech­no­logie, die keine Zukunft hat.

Dennoch: Der Struk­tur­wandel sollte in den Braun­koh­le­re­gionen abge­federt werden. Mein Energieblogger-​Kollege Kilian Rüfer hat dies hier schön zusam­men­ge­fasst. Doch die Begründung dafür sollte eher im sozialen Bereich liegen und nicht in der Notwen­digkeit weiterer Kohle­ver­stromung bis 2040.

Frank Urbansky

Freier Jour­na­list und Fach­au­tor, unter anderem für die Fach­ma­ga­zine und Portale Brenn­stoff­spie­gel, Uniti; DW Die Woh­nungs­wirt­schaft und Immo­bi­li­en­wirt­schaft; Haufe-Lexware; Energie&Management; IVV, Huss Medien; Motor­tech­ni­sche Zeit­schrift und Sprin­ger­Pro­fes­sio­nal; Sprin­ger Fachverlag; SHK Profi und tab, Bau­ver­lag; stadt+werk, k21

1 Kommentar

  1. Clemens Weiß

    Gut recher­chierte Zahlen zur Einordnung, sehr aufschlussreich!

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